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Unruhig und unkonzentriert? Was Kinder für gute Aufmerksamkeit brauchen

August 21, 2026by Niels Schnepel

Was Kinder für Aufmerksamkeit und Konzentration brauchen

Konzentrationsprobleme bei Kindern gehören zu den häufigsten Themen, mit denen Eltern im Alltag, in der Schule oder bei den Hausaufgaben konfrontiert werden. „Mein Kind kann sich einfach nicht konzentrieren“ – diesen Satz hören wir auch in der Ergotherapie häufig. Bei den Hausaufgaben steht das Kind immer wieder auf, in der Schule lässt es sich von jedem Geräusch ablenken, Aufgaben werden angefangen, aber nicht zu Ende gebracht. Andere Kinder wirken verträumt, verlieren den Faden oder benötigen immer wieder neue Aufforderungen.

Schnell entsteht der Eindruck, das Kind müsse sich einfach mehr anstrengen oder lernen, länger stillzusitzen. Doch Aufmerksamkeit und Konzentration sind komplexe Leistungen, für die unser Nervensystem viele Voraussetzungen schaffen muss.

Damit ein Kind ruhig am Tisch sitzen, einer Erklärung folgen, wichtige von unwichtigen Reizen unterscheiden und sich über längere Zeit einer Aufgabe widmen kann, müssen Wahrnehmung, Bewegung, Körperregulation und Aufmerksamkeit gut zusammenspielen.

Deshalb lohnt es sich bei Konzentrationsproblemen, nicht nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen. Wie gut kann das Kind seinen Körper wahrnehmen? Wie verarbeitet es Bewegungs- und Gleichgewichtsreize? Kann es eine stabile Sitzhaltung aufrechterhalten? Wie gut gelingt es ihm, störende Reize auszublenden?

Aufmerksamkeit beginnt also nicht erst am Schreibtisch. Ihre Grundlagen entwickeln sich bereits viel früher – durch Bewegung, Wahrnehmung und die zunehmende Fähigkeit des Nervensystems, sich selbst zu regulieren.

Körperwahrnehmung als Grundlage für Aufmerksamkeit

Damit sich ein Kind auf eine Aufgabe konzentrieren kann, muss es seinen eigenen Körper nicht ständig bewusst kontrollieren. Sitzen, die Position der Arme und der Beine, die richtige Kraftdosierung oder das Halten des Kopfes laufen normalerweise weitgehend automatisch ab.

Eine wichtige Grundlage dafür ist die Körperwahrnehmung. Unser Nervensystem erhält fortlaufend Informationen aus Muskeln, Gelenken und Sehnen. Diese sogenannte propriozeptive Wahrnehmung hilft uns zu spüren, wo sich unser Körper befindet, wie wir uns bewegen und wie viel Kraft wir einsetzen.

Bei manchen Kindern ist die Verarbeitung dieser Informationen weniger sicher. Sie suchen dann häufig zusätzliche Körperreize: Sie rutschen auf dem Stuhl hin und her, wippen mit den Beinen, lehnen sich an andere Personen oder Gegenstände, springen und klettern viel oder setzen bei Tätigkeiten auffällig viel Kraft ein.

Andere Kinder wirken dagegen schnell erschöpft, stützen ihren Kopf ab oder sacken beim Sitzen regelrecht zusammen.

Was von außen wie Unruhe, mangelnde Motivation oder fehlende Konzentration aussieht, kann deshalb auch mit der Regulation und Wahrnehmung des eigenen Körpers zusammenhängen.

Aktivitäten wie Klettern, Ziehen, Schieben, Tragen, Hangeln oder Springen liefern intensive Informationen für die Körperwahrnehmung. Viele Kinder können solche propriozeptiven Reize nutzen, um ihren Körper besser zu organisieren und ihr Aktivierungsniveau zu regulieren.

Das bedeutet nicht, dass Bewegung Konzentrationsprobleme einfach „beseitigt“. Sie kann jedoch eine wichtige Voraussetzung dafür schaffen, dass ein Kind anschließend ruhiger, strukturierter und aufmerksamer an eine Aufgabe herangehen kann.

Gleichgewicht und Aufmerksamkeit, wie hängt das zusammen?

Neben der Körperwahrnehmung spielt auch das vestibuläre System, unser Gleichgewichtssystem, eine wichtige Rolle. Es befindet sich im Innenohr und registriert Bewegungen des Kopfes sowie Veränderungen unserer Position im Raum.

Das Gleichgewichtssystem hilft uns nicht nur dabei, sicher zu stehen, zu laufen oder zu balancieren. Es ist eng mit der Körperhaltung, dem Muskeltonus, der Augenmotorik und der Regulation unseres Aktivierungsniveaus verbunden.

Manche Kinder suchen besonders viele vestibuläre Reize. Sie möchten ständig rennen, springen, schaukeln, klettern oder sich drehen. Bewegung scheint für sie geradezu notwendig zu sein. Andere Kinder reagieren dagegen empfindlich auf Bewegung, meiden Schaukeln oder Klettern und fühlen sich auf instabilen Untergründen schnell unsicher.

Auch beim Sitzen am Tisch kann sich eine unsichere Verarbeitung von Gleichgewichts- und Bewegungsinformationen bemerkbar machen. Das Kind verändert häufig seine Position, kippelt mit dem Stuhl, steht auf oder sucht immer wieder neue Bewegungsmöglichkeiten.

Bewegung kann dabei eine wichtige Funktion erfüllen: Sie liefert dem Nervensystem Informationen und kann dem Kind helfen, seinen Aktivierungszustand zu regulieren.

Deshalb lohnt es sich bei einem sehr bewegungsfreudigen Kind zu fragen:

„Warum braucht dieses Kind gerade so viel Bewegung?“

Denn nicht jede Bewegung ist automatisch Ablenkung. Für manche Kinder kann sie ein Weg sein, sich zu organisieren und anschließend wieder aufmerksamer bei einer Aufgabe zu sein.

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Aufrechte Haltung braucht Energie

Ruhig und aufrecht am Tisch zu sitzen erscheint zunächst selbstverständlich. Für unseren Körper ist es jedoch eine komplexe Leistung. Rumpf, Schultergürtel und Kopf müssen kontinuierlich stabilisiert werden, während Hände und Augen gleichzeitig eine Aufgabe ausführen.

Bei manchen Kindern fällt auf, dass sie beim Malen, Schreiben oder bei den Hausaufgaben schnell ihre Haltung verändern. Sie stützen den Kopf mit der Hand ab, lehnen den Oberkörper auf den Tisch, rutschen auf dem Stuhl nach unten oder wechseln ständig ihre Sitzposition.

Auch ein niedriger Muskeltonus oder Schwierigkeiten mit der Haltungskontrolle können dazu führen, dass das aufrechte Sitzen mehr Anstrengung erfordert. Ein Teil der verfügbaren Energie wird dann bereits dafür benötigt, den eigenen Körper zu stabilisieren.

Das kann sich auch auf die Aufmerksamkeit auswirken. Denn wenn ein Kind ständig damit beschäftigt ist, eine angenehme und stabile Körperposition zu finden, kann es schwieriger werden, gleichzeitig einer Erklärung zu folgen, zu schreiben oder sich über längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Deshalb lohnt sich bei Konzentrationsproblemen auch ein Blick auf die Sitzhaltung:

Kann das Kind seinen Körper ausreichend stabilisieren oder kostet allein das Sitzen bereits viel Kraft?

Eine gute Haltung bedeutet dabei nicht, dass ein Kind über längere Zeit vollkommen still und gerade sitzen muss. Vielmehr geht es darum, eine stabile, aber flexible Ausgangsposition zu finden, aus der heraus das Kind aufmerksam und möglichst ermüdungsfrei arbeiten kann.

Reizverarbeitung als Grundlage für Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit bedeutet nicht nur, sich auf etwas zu konzentrieren. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, unwichtige Informationen auszublenden.

Im Alltag ist unser Nervensystem ständig einer Vielzahl von Reizen ausgesetzt: Gespräche im Hintergrund, Bewegungen anderer Menschen, Geräusche, Licht, Berührungen oder die eigene Körperposition. Normalerweise gelingt es uns, viele dieser Informationen in den Hintergrund treten zu lassen und unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten.

Manchen Kindern fällt diese Reizfilterung deutlich schwerer. Im Klassenraum wird dann nicht nur die Stimme der Lehrkraft wahrgenommen, sondern gleichzeitig das Flüstern am Nachbartisch, ein Stuhl, der über den Boden geschoben wird, Bewegungen vor dem Fenster oder das Rascheln einer Federtasche.

Das Kind wirkt dadurch schnell abgelenkt, springt zwischen verschiedenen Reizen hin und her oder verliert den eigentlichen Arbeitsauftrag.

Andere Kinder reagieren auf eine hohe Reizmenge mit Unruhe, Gereiztheit oder Rückzug. Besonders nach einem langen Kindergarten- oder Schultag kann die Fähigkeit zur Regulation deutlich nachlassen.

Deshalb sollte bei Aufmerksamkeitsproblemen nicht nur gefragt werden:

„Kann sich das Kind konzentrieren?“

Sondern auch:

„Wie viele Reize muss dieses Kind gleichzeitig verarbeiten, um sich konzentrieren zu können?“

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Wie Ergotherapie unterstützen kann

Wenn ein Kind Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Konzentration zeigt, betrachten wir in der Ergotherapie nicht nur, wie lange es an einer Aufgabe sitzen und arbeiten kann. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Faktoren die Aufmerksamkeit im Alltag beeinflussen.

Je nach Kind können dabei unterschiedliche Bereiche eine Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, Muskeltonus und Haltung, sensorische Verarbeitung, Koordination, Augenmotorik sowie Impulskontrolle und Handlungsplanung.

Die ergotherapeutische Behandlung richtet sich deshalb nach dem individuellen Befund. Bewegungsangebote können beispielsweise mit Aufgaben zur Aufmerksamkeit verbunden werden. Beim Balancieren, Klettern, Werfen und Fangen oder bei Bewegungsparcours können gleichzeitig Reaktionsfähigkeit, Handlungsplanung und Konzentration gefordert werden.

Auch am Tisch können gezielte Aufgaben eingesetzt werden. Dabei geht es unter anderem darum, Arbeitsaufträge zunehmend selbstständig umzusetzen, bei einer Aufgabe zu bleiben, Ablenkungen besser zu bewältigen und geeignete Strategien für den Alltag zu entwickeln.

Das Ziel besteht nicht darin, dass ein Kind möglichst lange stillsitzt. Vielmehr soll es lernen, seinen Körper und seine Aufmerksamkeit zunehmend besser zu regulieren und die Anforderungen in Kindergarten, Schule und Alltag selbstständiger zu bewältigen.

Dabei gilt: Nicht jedes unruhige oder unkonzentrierte Kind benötigt die gleiche Unterstützung. Eine gezielte ergotherapeutische Befunderhebung hilft dabei herauszufinden, wo die individuellen Stärken und Schwierigkeiten liegen und welche Förderung sinnvoll ist.

Ergotherapie Northeim