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Frühkindliche Reflexe: Wenn sie Lernen, Konzentration und Motorik beeinträchtigen

Juni 12, 2026by Niels Schnepel

Frühkindliche Reflexe: Wenn sie Lernen, Konzentration und Motorik beeinträchtigen

Viele Kinder kommen in die Ergotherapie, weil sie Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Gleichgewicht, Schreiben, Lesen oder der Bewegungskoordination haben. Häufig wird dabei an ADHS, Entwicklungsverzögerungen oder Wahrnehmungsstörungen gedacht. Ein möglicher Baustein wird jedoch oft übersehen: nicht integrierte frühkindliche Reflexe.

Was sind frühkindliche Reflexe?

Frühkindliche (primitive) Reflexe sind automatische Bewegungsreaktionen, die bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt vorhanden sind. Sie unterstützen die Entwicklung des Nervensystems und helfen dem Säugling beispielsweise beim Saugen, Greifen oder bei ersten Bewegungsmustern. Im Laufe der Entwicklung sollten diese Reflexe durch reifere Bewegungs- und Steuerungsmechanismen ersetzt werden.

Bleiben Reflexe jedoch über das übliche Entwicklungsalter hinaus aktiv, spricht man von retinierten bzw. nicht integrierten Reflexen. Diese können die motorische, sensorische und schulische Entwicklung beeinflussen.

Typische Anzeichen

Nicht jedes Kind mit einem dieser Merkmale hat automatisch einen aktiven Reflex. Häufen sich jedoch mehrere Symptome, kann eine genauere Abklärung sinnvoll sein.

Motorische Auffälligkeiten

  • Ungeschicklichkeit und häufiges Stolpern
  • Probleme beim Ballfangen oder Sport
  • Schwierigkeiten mit Gleichgewicht und Haltung
  • Zehenspitzengang
  • W-Sitz

Feinmotorische Probleme

  • Verkrampfte Stifthaltung
  • Unsauberes Schriftbild
  • Schwierigkeiten beim Schneiden
  • Probleme bei der Hand-Auge-Koordination

Schulische Schwierigkeiten

  • Konzentrationsprobleme
  • Leseschwierigkeiten
  • Probleme beim Abschreiben von der Tafel
  • Langsames Arbeitstempo

Emotionale und sensorische Auffälligkeiten

  • Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Berührungen oder Gerüchen
  • Schnelle Überforderung
  • Starke emotionale Reaktionen
  • Impulsivität und innere Unruhe
  • Bettnässen über das 5. Lebensjahr hinaus

Diese Beobachtungen werden auch in verschiedenen Untersuchungen zu aktiven frühkindlichen Reflexen beschrieben.

Die Verbindung zur Wahrnehmung

Viele frühkindliche Reflexe beeinflussen die Verarbeitung von Sinnesreizen. Bleiben sie aktiv, kann das Nervensystem ständig unnötige Informationen verarbeiten müssen.

Beispiele:

  • Schwierigkeiten beim Blickfolgen können das Lesen erschweren.
  • Eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit kann die Konzentration beeinträchtigen.
  • Probleme bei der Körperwahrnehmung können Unsicherheit in Bewegungen verursachen.

Gerade Kinder mit sensorischen Verarbeitungsproblemen zeigen häufig Hinweise auf aktive frühkindliche Reflexe.

Verbindung zur Wahrnehmung

Welche Reflexe spielen besonders häufig eine Rolle?

Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR)

Dreht das Baby den Kopf zur Seite, strecken sich Arm und Bein auf dieser Seite. Dieser Reflex unterstützt die frühe Entwicklung der Hand-Auge-Koordination. Bleibt er aktiv, können Probleme beim Schreiben, Lesen und beim Überkreuzen der Körpermitte entstehen.

Symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR)

Dieser Reflex unterstützt den Übergang zum Krabbeln. Ein aktiver STNR kann später zu Schwierigkeiten beim Sitzen, bei der Haltung und bei der Blicksteuerung führen.

Tonischer Labyrinthreflex (TLR)

Der TLR beeinflusst Gleichgewicht, Muskelspannung und Körperhaltung. Bleibt er bestehen, können Unsicherheit in Bewegungen, Gleichgewichtsprobleme und eine eingeschränkte Körperkoordination auftreten.

Was sagt die Forschung?

Studien zeigen Zusammenhänge zwischen aktiven frühkindlichen Reflexen und motorischen Schwierigkeiten. In einer Untersuchung wurden bei vielen Vorschulkindern noch Restaktivitäten frühkindlicher Reflexe gefunden. Gleichzeitig zeigte sich ein Zusammenhang zwischen stärker ausgeprägten Reflexen und geringerer motorischer Leistungsfähigkeit.

Wichtig ist dabei: Ein aktiver Reflex allein stellt keine Diagnose dar. Er kann jedoch ein Hinweis auf eine noch nicht vollständig ausgereifte neuromotorische Entwicklung sein.

Fazit

Nicht integrierte frühkindliche Reflexe können ein wichtiger Puzzlestein sein, wenn Kinder Schwierigkeiten beim Lernen, Schreiben, Lesen, Gleichgewicht oder in der Aufmerksamkeit zeigen. Sie sind oft nicht die einzige Ursache, können aber erheblich dazu beitragen, dass ein Kind sein volles Potenzial nicht ausschöpfen kann. Eine frühzeitige Erkennung und gezielte Förderung können helfen, die Entwicklung nachhaltig zu unterstützen.