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Neurofeedback bei ADHS – Anwendung, Wirkmechanismen und Evidenzlage

März 3, 2026by Niels Schnepel

Was ist Neurofeedback?

Neurofeedback ist ein spezialisiertes Verfahren des EEG-Biofeedbacks. Dabei wird die elektrische Aktivität des Gehirns (Elektroenzephalogramm, EEG) in Echtzeit gemessen und visuell oder auditiv rückgemeldet. Ziel ist es, dysfunktionale Regulationsmuster zu erkennen und durch operante Konditionierung gezielt zu modulieren.

Das Gehirn nutzt dabei seine Fähigkeit zur Neuroplastizität: Durch wiederholtes Training können neuronale Netzwerke lernen, stabilere und funktionalere Aktivitätsmuster aufzubauen,beispielsweise im Bereich Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder Emotionsregulation.

Was ist ein qEEG (quantitatives EEG)?

qEEG – die differenzierte Diagnostik

Das quantitative EEG (qEEG) ist eine computergestützte Analyse der gemessenen EEG-Daten. Dabei werden:

  • Frequenzverteilungen (Delta, Theta, Alpha, Beta etc.)

  • Kohärenzen

  • Lateralisierungen

  • Normabweichungen

mathematisch ausgewertet und mit altersentsprechenden Normdaten verglichen.

Das Ergebnis ist eine objektivierte Darstellung funktioneller Aktivitätsmuster des Gehirns.

Ein qEEG ermöglicht:

  • Individualisierte Trainingsprotokolle

  • Identifikation von Dysregulationsmustern

  • Zielgerichtetes Z-Score-Training

  • Verlaufsdokumentation

  • Differenzierung bei komplexer Symptomatik

Gerade bei Aufmerksamkeitsstörungen, Stressregulationsproblemen oder chronischer Übererregung kann qEEG helfen, das Training präziser auszurichten.

Wichtig:
qEEG ersetzt keine klinische Diagnostik, sondern ergänzt sie funktionell.

QEEG Northeim

Neurofeedback-Verfahren im Überblick

Frequenzband-Training

Modulation spezifischer Frequenzen (z. B. SMR, Theta/Beta). Ziel ist es, bestimmte Aktivitätsbereiche gezielt zu stärken oder zu reduzieren.


SCP-Training (Slow Cortical Potentials)

Training langsamer kortikaler Potentiale zur bewussten Aktivierungs- und Aufmerksamkeitsregulation. Wird häufig bei ADHS eingesetzt.


ILF-Neurofeedback (Infra-Low-Frequency, nach Othmer)

Das ILF-Neurofeedback arbeitet im sehr niederfrequenten Bereich unterhalb der klassischen EEG-Frequenzen.
Im Vordergrund steht hier weniger die bewusste Steuerung, sondern die Stabilisierung grundlegender Regulationsprozesse des zentralen Nervensystems.

Das Verfahren nach Othmer wird häufig eingesetzt bei:

  • Stressregulationsstörungen

  • emotionaler Instabilität

  • Traumafolgesymptomen

  • chronischer Über- oder Untererregung

Ziel ist eine verbesserte Selbstregulation und Stabilität.


Z-Score-Training (qEEG-basiert)

Hier wird das Training auf Basis eines quantitativen EEG (qEEG) durchgeführt. Abweichungen von Normdaten werden gezielt in Richtung altersentsprechender Muster trainiert.


LORETA-Neurofeedback

LORETA (Low Resolution Electromagnetic Tomography) ist ein spezielles, qEEG-basiertes Verfahren, bei dem nicht nur die Oberflächenaktivität, sondern die vermutete Aktivität tiefer liegender Hirnareale berechnet wird.

Dadurch können gezielt funktionelle Netzwerke trainiert werden, beispielsweise:

  • präfrontale Kontrollnetzwerke

  • emotionale Regulationszentren

  • Aufmerksamkeitsnetzwerke

LORETA-Neurofeedback ermöglicht somit eine noch differenziertere und netzwerkorientierte Trainingsplanung.

Evidenzlage: Was sagt die Forschung?

ADHS

Für ADHS besteht derzeit die solideste Datenlage zum Einsatz von Neurofeedback. Mehrere Meta-Analysen randomisierter kontrollierter Studien zeigen signifikante Verbesserungen insbesondere in:

  • Aufmerksamkeit

  • Impulskontrolle

  • Selbststeuerung

Neurofeedback wird daher in verschiedenen wissenschaftlichen Bewertungen und Leitlinien als evidenzbasiertes Zusatzverfahren eingeordnet, wobei die Evidenzstufe je nach Studiendesign meist im Bereich Level II–III liegt.


Wissenschaftliche Quellen

Arns, M., de Ridder, S., Strehl, U., Breteler, M., & Coenen, A. (2009)
Meta-Analyse zur Wirksamkeit von Neurofeedback bei ADHS.
👉 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18842434/

Cortese, S. et al. (2016)
Meta-Analyse zu nicht-medikamentösen Behandlungen bei ADHS.
👉 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27458444/

Van Doren, J. et al. (2019)
Langzeitwirkungen von Neurofeedback bei Kindern mit ADHS.
👉 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30063187/

Gevensleben, H. et al. (2009)
Randomisierte kontrollierte Studie zu Neurofeedback bei Kindern mit ADHS.
👉 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19307729/


Leitlinien

S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
👉 https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045

Dort werden standardisierte Neurofeedback-Protokolle (z. B. SCP-Training oder Theta/Beta-Training) als mögliche ergänzende Behandlungsoption aufgeführt.

Neurofeedback in der Ergotherapie

In einer ergotherapeutischen Praxis wird Neurofeedback häufig kombiniert mit:

  • Sensorischer Integration

  • Konzentrationstraining

  • Emotionsregulation

Gerade bei Kindern mit Aufmerksamkeits- oder Regulationsproblemen kann Neurofeedback ein wertvoller Baustein innerhalb eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes sein.


Zusammenfassung

Neurofeedback ist ein neurowissenschaftlich fundiertes Trainingsverfahren zur Verbesserung der Selbstregulation. Besonders bei ADHS ist die Wirksamkeit gut untersucht. Durch den Einsatz von qEEG kann das Training zusätzlich individualisiert und gezielt ausgerichtet werden.

Entscheidend für den Therapieerfolg sind:

  • fundierte Diagnostik

  • individuell angepasste Protokolle

  • ausreichend Trainingssitzungen

  • fachlich qualifizierte Begleitung

  • Integration in ein multimodales Konzept